Zunächst mal freut es mich sehr, dass zum Thema "historische" Strecken nun mal ein Aufschlag gemacht worden ist @Engelbert: Danke!
Unabhängig davon, dass glücklicherweise nun ein paar entsprechende Strecken im Bau sind, möchte ich ein paar grundsätzliche Gedanken in den Raum werfen. Um das ganze etwas einzuordnen, zunächst ein kurzer Blick in die Geschichte - was ist eigentlich "historisch"?
1. Die größte Teil der Bahnstrecken in Deutschland hat sich während des gesamten 20. Jahrhunderts nicht wesentlich verändert, was Gleisanlagen, Gebäude, sonstige Kunstbauten etc. angeht. Ausnahmen bestätigen die Regel, und der natürlich hat der 2. Weltkrieg seine Spuren hinterlassen.
Natürlich wurden seit 1945 permanent Zweigstrecken stillgelegt und Hauptstrecken elektrifiziert, im Grunde aber war der erste strukturell große Einschnitt (der zu sichtbaren Veränderungen der Infrastruktur geführt hat) die Aufgabe des Expressgut- und Wagenladungsverkehrs Ende der 80er Jahre: Ortsgüteranlagen wurden nach und nach geschlossen, die entsprechenden Gebäude z.T. abgerissen. Ich meine mich zu erinnern, dass die Gleisanlagen an sich aber meist noch erhalten geblieben sind.
Ähnliches gilt für das Thema Bahnpost: auch hier fielen (seit den 1990er Jahren) die entsprechenden Anlagen zunächst brach, waren aber noch längere Zeit vorhanden (oder sind es bis heute).
Das Eisenbahnneuordnungsgesetz (Ende 1993 verabschiedet) läutete dann die Zeit der großen infrastruktuellen Veränderungen ein: ehemalige Bahnbetriebswerke, Güterbahnhöfe etc. wurden aufgelöst, als Bahnflächen entwidmet und die Grundstücke häufig nach Verkauf an Private oder die jeweilige Kommune einer neuen Nutzung zugeführt (Parkplätze, Supermärkte etc...). Viele Dienststellen wurden geschlossen, so dass zahlreiche Einzelgebäude - z.B. Empfangsgebäude von Bahnhöfen mit geringerem Reisendenaufkommen - weitgehend ungenutzt blieben, aus der Bauunterhaltung fielen und dann entweder an Private verkauft, abgerissen wurden oder bis zum heutigen Tag vor sich hin verfallen.
Zu diesen ökonomisch begründeten Veränderungen kamen die technologischen (z.B. neue Sicherungstechnik, die u.a. die zahlreichen kleinen Stellwerke größerer Bahnhöfe überflüssig machte, Neu- und Ausbaustrecken etc.) und die durch geänderte gesetzliche Rahmenbedingungen verursachten (z.B. Barrierefreiheit - u.a. wurden die weißen Kontraststreifen auf allen Bahnsteigen eingeführt).
Alle diese Punkte zusammen haben, meine ich, flächendeckend erst so ab der Jahrtausendwende die Welt der "alten" Bundes- und Reichsbahn völlig umgekrempelt.
2. Auf die Umsetzung im Train Simulator bezogen bin ich eher skeptisch, ob "backdating" eine brauchbare Lösung ist; man müsste nämlich quasi alle Bahnhöfe und den gleisnahen Bereich komplett neu bauen, von der Gleisverlegung hin bis zu den Gebäuden. Der Aufwand dürfte meist dem für einen Neubau gleichkommen.
Umgekehrt wäre es wahrscheinlich leichter: die Strecke in der Zeit vor der Modernisierung - was wohl meistens 1990er bedeutet - zu bauen. Von diesem Zustand aus könnte man relativ einfach auf den heutigen Zustand vordatieren: Nebengleise abreißen, Nebengebäude entfernen, Empfangsgebäude auf saniert "pimpen" und auf den brachgefallenen Flächen Supermärkte, Parkplätze ... absetzen, eine grüne Hölle pflanzen etc. Lärmschutzwände aufstellen, niedrige durch hohe Bahnsteige ersetzen. Umgekehrt wäre von diesem Zustand auch ein Backdating auf z.B. die 1950er Jahre leichter zu bewältigen, weil sich wie oben beschrieben in diesem Zeitraum an der Bahninfastruktur selbst häufig nichts grundlegendes verändert hat - eher schon im Drumherum. Machmal reicht es da vielleicht schon aus, einen Nachkriegsneubau durch ein Gründerzeithaus oder Autos und andere Details zu ersetzen. Geschickterweise sucht man sich für ein solches Projekt vielleicht Vorbildstrecken aus, bei denen der Epochenwechsel nicht das (komplette) Neusetzen einer Oberleitung erfordert...
3. Eine Strecke im Zustand der 1980er/90er halte ich für ziemlich kompromissfähig: man kann sie ebenso mit fast allen heute aktuellen Fahrzeugen befahren wie auch mit Reichs- bzw. Bundesbahn-Klassikern, was eben bei allen bisher von DTG realisierten Strecken definitiv nicht geht.
4. Absolute Vorbildgenauigkeit ist bei einer "historischen" Strecke nicht erforderlich - es geht viel mehr um die Gesamtstimmung als um eine perfekte Rekonstruktion an jeder Stelle der Strecke. Die wichtigen Bahnhöfe sind oft ohnehin durch Fotos belegt, in denen man zwar nicht immer jedes Detail, aber zumindest das Wesentliche erkennen kann.
Wenn DTG so stimmungsvolle und - für mein Empfinden - gut umgesetzte Strecken wie Woodhead, Weardale oder eben die Riviera bauen kann, sollten sie das auch für Kontinentaleuropa schaffen, denn der Rechercheaufwand war für die Strecken für ihrer Haustür auch nicht viel geringer...
Zuletzt noch: bitte jetzt nicht auch hier noch ein Wunschkonzert. Jetzt wollen hier gleich wieder alle die Strecke vor ihrer eigenen Haustür - das bringt doch in der Sache überhaupt nichts...