Tupperware auf der Schiene
Von Dirk Mattner
Ab Montag, den 3. November werden die neuen und halbneuen S-Bahnen in Frankfurt die alleinige Realität sein. Und zwar auf Jahre.
Das macht nachdenklich, denn das ist die Garantie auf viele wiederkehrende Erlebnisse auf die so mancher eigentlich verzichten wollte. Doch die Makel haben auch etwas Sympathisches, denn es ist doch schön das auch hochmoderne Fahrzeuge auch mal das Unperfekte zulassen.
Gleis 103 im Frankfurter Hauptbahnhof. Fahrgäste warten ungeduldig auf die S-Bahn nach Wiesbaden. Durch den Lautsprecher wird verkündet, dass der Zug 15 Minuten Verspätung hat. Grimmige Gesichter, ungeduldiges Warten. Noch etwas später als 15 Minuten fährt dann eine schamlos grinsende S9 ein. Es könnte eine ihrer ersten Fahrten sein, vielleicht muss sie sich mit der Strecke erst noch vertraut machen? Ab Montag, 3. November sollten die Neuen dann aber ihre Touren endlich einstudiert haben, schließlich hatten sie jetzt ein paar Monate Zeit zum üben gehabt.
Die eintrudelnde S9 ist komplett überfüllt. Nach einer kurzen Gedenksekunde, oder zwei, oder drei, öffnen sich die Türen mit schrillem gepiepse und einer Bedeutsamkeit als ob ein 28 Tonner mit einer Ladung roher Eier an eine Laderampe zurücksetzen wollte. Doch es sind nur Türen.
Fahrgäste versuchen hastig den Zug zu verlassen, jedoch sind die am Bahnsteig wartenden Fahrgäste schon sehr nah herangerückt, da sie die bereits erwähnten Gedenksekunden für ihre "Poleposition" vor den Türen genutzt haben. Doch erst das feierliche Piepsen gibt das Startsignal zum gegenseitigen Gedränge frei, bei dem immer wieder besonders eilige Ein- und Aussteigende in der Gestalt aufeinander auflaufen, wie man es sonst nur bei einem Rugbyspiel beobachten kann.
Die Zeiten, dass draußen wartende Fahrgäste die Türen zur Seite mit einem kurzen Zug öffnen mussten und so ganz von automatisch nicht direkt vor dem Einstieg standen, sind ja gottseidank vorbei. Endlich können sich Menschen direkt dort begegnen, wo ihre Wege sonst aneinander vorbei laufen würden. Auch wenn sich jetzt die Abteile durch die neue Qualität des Drängelns nur langsam leerten, so füllten sie sich doch erstaunlich schnell, wenn erst mal irgendwann der Pfropfen vorne am Einstieg geplatzt war.
Die Luft ist stickig, es riecht nach Schweiß, Muff und halbverdautem Döner.
Moment mal?
Haben wir hier nicht so eine tolle Klimaanlage im Zug, die uns den Frühlingsduft zu jeder Jahreszeit verspricht?
Doch, doch eine Klimaanlage gibt es! Und sie funktioniert - denn man kann sogar hören wie sie auf dem Dach randaliert. Nur, es bringt leider nichts in einen vollgestopften Zug nur kalte Luft einzupressen. Zunächst waren die Türen sowieso noch auf. Durch den verlängerten Fahrgastwechsel auch lang genug. Schwupps, verändert sich sofort die Innenraumtemperatur. Jetzt laufen die Türen mit einem satten Plopp wieder in ihre Fugen ein und die Tupperware ist wieder dicht. Jetzt darf die Klimaanlage zunächst mal die eingeschleppte Luft, samt mitgebrachten Gerüchen aller Art lässig im Fahrgastraum umwälzen. Und damit auch jeder etwas davon hat, soll es keine Geruchs- oder Temperaturinseln geben. Bedeutet je nach Situation: Kälteschock, Dampfbad oder Dönergeruch für alle!
Besonders schön sind die warmen Tage im Jahr. Da der gesamte Großraum Rhein-Main leider noch nicht mit einer geschlossenen, klimatisierten Hallenkonstruktion überbaut ist, bringen die Fahrgäste ihre mit Pheromonen oder vom letzten herzhaften Mittagessen angereicherten Ausdünstungen mit in die fahrbare Druckkammer. Die auf Hochtouren zu kühlen versuchende Klimaanlage trifft nun auf hohe Feuchtigkeitsausdünstung aufgeheizter Körper und es beginnt sich sogleich – oh Wunder der Physik! – tropische Schwüle im Tupperzug zu verbreiten. Fenster können nicht geöffnet werden und die Türöffnungszeiten an den Haltestellen dienen vielmehr der Klimaanlage als Ansporn bis zum nahen Kollaps die Luft weiter zur Anreicherung zu temperieren. Die Fahrgäste tun ihr übriges für den Dampfbad-Effekt: Sie schwitzen noch mehr!
Doch das Öffnen von Fenstern ist sowas von "80’s", das kann man heute wirklich niemanden mehr zumuten. Etwas „Tropical Spirit“ ist dagegen genau das gewünschte Kontrastprogramm zur trockenen Hitze außerhalb des luftdichten Zugs.
Ab dem Flughafen leert sich der nun schon über 20 Minuten verspätete Zug – doch im Treibhaus wird der mühsam zusammengetragene Wolkenmix weiterhin noch ein wenig umgewälzt. Dieser hatte zwischenzeitlich auch schon Gelegenheit sich an den Fenstern niederzuschlagen. Falls es jemanden an Wasser mangeln sollte - am Fenster ist genug davon für alle da.
Das ist also die kleine Wetterkunde für unterwegs. Das wäre doch mal ein schönes Thema um in Kontakt zu kommen und nicht nur mit dem feuchten Hemd des Nachbarn.
Doch es ergeben sich kaum Gespräche, die Leute starren paralysiert vor sich hin. Die aufgepolsterten Kunstschaumsitze saugen etwas Fahrgastschweiß ein, während sich durch schweißnasse Haare Speckblumen in individuell-abstrakten Formen auf den Kunstlederkopfstützen abbilden. Es ist diese neue Qualität des Reisens: Soziologie, Wissenschaft und Kunst vereint in einer gewöhnlichen S-Bahn, die von der Form her auch noch einem angeschmolzenen Transrapid ähnlich sieht.
Fiepen, Piepsen und Dingdong Durchsagen
Bei einem Blick nach draußen wirkt die Umgebung trist. Ist es die Umgebung, oder doch nur die Spiegelung der Innenraumbeleuchtung, die der Zahnarztpraxis Dr. Hasenbein entwendet worden zu sein scheint?
Mittlerweile ist die stickig-schwüle Luft gewichen und die Klimaanlage hat wieder Oberhand gewonnen. Sie spielt ihre wiedererlangte Macht sofort mit dem Kühlprogramm Stufe „Novosibirsk“ voll aus. Und auch wenn jetzt den Damen in Hotpants eine Blasenentzündung droht, so schnurrt das Fahrzeug doch so leise, dass man glaubt die Eiskristalle in den Lüftungsschlitzen knistern zu hören. Amüsant wird es, wenn in dieser winterlichen Ruhe (bei draußen 29°!), wieder eine dieser automatischen Durchsagen die Kältestarre plötzlich jäh durchbricht. Dadurch zucken die Fahrgäste zusammen, die sich schon länger nicht mehr bewegten. Aber das Gute dabei ist die beruhigende Gewissheit: Sie sind noch nicht erfroren! Und das penetrante Dauergefiepse bei jedem Halt an den Türen, geht bald vielen so auf den Zeiger dass aufkochende Wut ein wenig das Herz erwärmen kann.
Nach der Hälfte der Strecke ist also die Winterfrische komplett angekommen. Der Mief ist verzogen, doch zu welchem Preis? Störend ist das ständige Hin- und Herruckeln, doch die Deutsche Bahn hatte auf Nachfrage bestätigt, dass man auch heute noch nicht gänzlich auf Kurven und Weichen verzichten könne. Man arbeite aber daran und werde nicht einschlafen bis man diese in ganz Deutschland auf ein absolutes Minimum reduziert hat.
Die Rückfahrt nach Frankfurt in einem anderen Wagon unterscheidet sich von dem vorherigen. Das Abteil scheint moderner zu sein. Es ist nicht ganz so viel gepiepse mehr notwendig und auf verschleißende Sitzpolster hat man gleich ganz verzichtet. Es gibt Hartschalensitze mit einem hauchzarten Stoffüberzug. Im Stehbereich sind keine Stangen in Hüfthöhe angebracht. Die Wände sind mit urzeitlichen Hieroglyphen unterschiedlicher Farben in schwarz, blau, silber oder gar gold verziert. Sie entstammen von heimischen Urvölkern, die so ihr Revier markieren oder ihren Weibchen paarungsbereitschaft signalisieren wollen.
Makel haben etwas Sympathisches
Diese Fahrt ist noch lustiger. Die Fenster sind verschmierter, statt der Aussicht auf die Weinberge sind die Urzeitmalereien zu bewundern. Die Fahrgäste scheint all das nicht zu stören.
„Klar, die S-Bahn macht keinen hochwertigen Eindruck“, sagt ein Fahrgast, „doch diese verschiedenen Kunststoffsorten an Boden, Decken und Wänden, gepaart mit diesem Kunststoff-Sound ist ein Gesamtkunstwerk binärer Art!“
Volle Züge seinen schlimmer als die Ausstattung, aber vor allem nicht so lausig kalt. Die Leute müssen aufmerksam sein, denn in diesem Zug ist die Lautstärke der automatischen Ansage sehr weit herunter reguliert worden. Ein leises, aber ebenso bassiges „Näphnt Alt: Hühühnhmm Hoompnherk“ lässt Raum für eigene Interpretationen und beflügelt die Phantasie. Welcher Halt könnte gemeint sein? Das darauf folgende „Aupthhieg hinks“ ist dagegen eine Beleidigung unseres Verstandes – das ist einfach zu „heinphach hu herrhartn“.
Langsam rollt unser Zug weiter und fährt an einer alten S-Bahn vorbei, die komplett mit Graffiti beschmiert ist. Hoppla, kleines Versehen, das war das Spiegelbild unseres Geräuschwunders, das sich in den teilweise noch vorhandenen Fenster dieser schrecklichen alten Schrott-S-Bahnen kurz gezeigt hatte.
Nach dem vergangenen Wochenende sind diese alten S-Bahnen also Geschichte. Das macht nachdenklich, denn die Fahrt mit einem makelbehafteten Neubaufahrzeug zeigt auch etwas Sympathisches, das allen Fortschritt überdauert hat. Wer will schon etwas absolutes Perfektes? Die Türen mit kleinen Denkpausen, das Gepiepse in verschiedenen Höhenlagen und die lustigen Geräusche rotierender Elektronen beim Anfahren und Bremsen und nicht zuletzt die Sitze die nicht immer sehr einladend sind. In Zeiten einer hochtechnisierten Welt, in der alles auf Knopfdruck funktioniert, können selbst neue Züge einen Hauch von Nostalgie beibehalten - In dem sie einfach nicht perfekt sind.
Es kann halt nicht alles so perfekt sein wie ein 420er! 